Grußworte von BMin Dr.in Sabine Oberhauser

„Umgang mit Suchtkranken: Empathie statt Zeigefinger“

Sucht ist keine Willensschwäche oder moralische Verfehlung. Sucht ist eine Krankheit – und als solche zu behandeln. Es ist mir wichtig, diesen Satz meinen Grußworten zum 60-jährigen Bestandsjubiläum des Anton Proksch Instituts voranzustellen. Denn er sagt etwas darüber aus, wie wir mit suchtkranken Menschen umgehen, wie wir versuchen, ihnen zu helfen: Mit Respekt und Wertschätzung, mit dem klaren Ziel der Inklusion – und nicht etwa mit dem erhobenen Zeigefinger. Denn Stigmatisierung, Diskriminierung und Ausgrenzung sind krankmachend und gefährden nicht nur den individuellen Therapie-Erfolg, sondern auch den sozialen Zusammenhalt.

 

Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, dem Thema Sucht zu begegnen. Eine Welt ohne psychotrope Substanzen oder abhängig machende Verhaltensmuster und damit ohne Suchtproblematik ist nicht realistisch; umso wichtiger ist es, dass wir gemeinsam diesem Thema begegnen. Mein Haus hat daher Anfang 2016 Leitlinien zum Umgang mit Sucht und Prävention herausgegeben, zu denen sich die gesamte Bundesregierung bekannt hat. Ein wichtiger Schritt um sicherzustellen, dass alle Beteiligten an einem Strang ziehen, wenn es darum geht, suchtkranken Menschen zu helfen.

 

Selbstredend ist das Anton Proksch Institut bei diesen Bemühungen unabdingbar. Als Gesundheitsministerin bin ich froh, dass wir in Österreich eine Institution haben, die sich mit ihrer langjährigen Erfahrung und Expertise ein Renommee erarbeitet hat, das weit über die Landesgrenzen hinausreicht. Vielen tausenden Menschen konnte in den vergangenen sechs Jahrzehnten geholfen werden. Das verändert nicht nur individuelle Lebens- und Leidensgeschichten, es ist auch ein Beitrag für unsere Gesellschaft, dessen Wert – materiell wie immateriell – gar nicht hoch genug einzuschätzen ist.

 

Ganz persönlich bin ich stolz darauf, dass ich während meiner Zeit als Vizepräsidentin der Stiftung Anton Proksch-Institut Wien (15.11.2010 - 01.09.2014) mithelfen durfte, diese Institution weiterzuentwickeln. Das frühere Genesungsheim Kalksburg wurde 1956 als so genannte „Trinkerheilstätte“ gegründet. Wir wissen, dass das Thema Sucht seither viel diverser geworden ist und nicht-stoffgebundene Abhängigkeiten wie Spiel-, Kauf- oder Internetsucht mehr und mehr Platz greifen.

 

Prävention ist ein zentrales Ziel meiner Arbeit und im Sinne von „Health in all Policies“ ist es eine Aufgabe der gesamten Bundesregierung. Natürlich ist es unser wichtigstes Anliegen, dass Sucht erst gar nicht entsteht. Wo dies dennoch passiert, liegen mir einige Grundsätze am Herzen. Einer dieser Grundsätze ist Therapie statt Strafe – sprich: Bei Suchtkranken hat die Beratung und medizinischtherapeutische Behandlung Vorrang vor der strafrechtlichen Verfolgung. Außerdem ist mir wichtig, dass die Menschen parallel zu ihrer Therapie in den Arbeitsmarkt und in ihr soziales Umfeld (re-)integriert werden, um ihnen ein selbstbestimmtes und sinnstiftendes Leben zu ermöglichen.

 

Ich bin zutiefst überzeugt davon, dass Menschen, die an einer Suchterkrankung leiden, ein Recht auf Behandlung, Betreuung und Rehabilitation haben. Mein Dank gilt daher allen am Anton Proksch Institut, die so unermüdlich daran arbeiten, diese Grundsätze mit Leben zu erfüllen – evidenzbasiert und medizinisch auf der Höhe der Zeit, aber vor allem empathisch und stets an den individuellen Bedürfnissen der Patientinnen und Patienten orientiert. Für diese Arbeit wünsche ich auch in den kommenden Jahrzehnten alles, alles Gute!

 

BMin Dr.in Sabine Oberhauser, MAS

Bumdesministerin für Gesundheit und Frauen (2014 – 2017)