Grußworte Mag. (FH) Roland Pichler

„Gemeinsame Kraft und Gesinnung“

„In dieser Turnergruppe herrschte reges Leben. (…) Aber das Herrlichste war: Es war eine ideale Gemeinschaft von mehr als zweihundert jungen Menschen, die alle die gleiche Gesinnung hatten. Dabei waren wir alle Antialkoholiker und Nichtraucher. Das war keine Bedingung, aber wir waren gegen Rauchen und Trinken, weil wir gelernt hatten, daß diese Gewohnheiten zu den größten Feinden der Arbeiterschaft gehörten.“ Das sollte der ehemalige Generalsekretär des Österreichischen Gewerkschaftsbundes, späterer Sozialminister und ein Initiator sowie Präsident des Kuratoriums für die Stiftung „Genesung Kalksburg“ einmal in seinen Erinnerungen schreiben. Über die Entstehungsgeschichte der Stiftung schrieb Anton Proksch neben „Alkohol als heimtückischen Feind der Arbeiter und ihrer Familien“ aber auch: „Ich erinnere mich an meine Erlebnisse im Ersten Weltkrieg: Zwei bis drei Stunden vor jedem Angriff erhielten die Soldaten ihre Feldflaschen mit Rum gefüllt.“

 

Proksch war daher sehr angetan vom späteren ärztlichen Leiter des Genesungsheimes, Professor Dr. Hans Hoff, der die Meinung vertrat, dass Alkoholismus keine Seuche ist, der Menschen verfallen bleiben. Betroffene sollten durch Therapien wieder ein normales Leben führen können. Das war damals keinesfalls ganz unumstritten. Seither gesellten sich jedoch noch jede Menge andere Abhängigkeiten oder Süchte hinzu: Medikamenten- und Drogenabhängigkeit, Nikotinsucht, Kaufsucht, Internet-, Computer- oder Spielsucht. Entwicklungen, die sich die Suchtforschungsstelle des 1975 in „Anton Proksch Institut“ umbenannten Genesungsheimes jahrelang annahm.

 

Damals wie heute stellt sich die Frage, ob unsere Gesellschaft auch wirklich alles unternimmt, um beispielsweise vor allem Jugendliche oder benachteiligte Menschen von der Lebensangst zu befreien, die sie dazu bringt, Trost in verschiedenen Suchtformen zu suchen. Betroffene Menschen erkennen ihre Probleme zumeist sehr spät. Die Veränderungen im privaten, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebensbereich der einzelnen Betroffenen stellt auch die Sucht- und Drogenarbeit vor neue Herausforderungen.

 

In der Werbung, im Fernsehen oder im Internet – in sozialen Netzen – wird oft ein Lebensstil vorgespielt, den „normal“ arbeitende Menschen mit ihren Einkommen nicht erreichen können. Wer sich heute kein Mobiltelefon leisten kann, gilt schon als materiell arm. Zudem sind Suchtmittel -unabhängig von ihrem rechtlichen Status – in unserer Gesellschaft weit verbreitet. Der moderate Alkoholkonsum wird, wie auch in den meisten anderen europäischen Staaten, nicht problematisiert. Dennoch führt der Konsum von Alkohol für jeden zehnten Menschen in Österreich im Laufe des Lebens zu einer Suchterkrankung. Auch Tabakkonsum ist mittlerweile fester Gegenstand gesundheitspolitischer Maßnahmen in verschiedenen Bereichen – vom Arbeitsplatz bis hin zum gesellschaftlichen Leben.

 

Allen Suchtmitteln – unabhängig von ihrem rechtlichen Status (illegal oder legal) – ist gemein, dass ihr übermäßiger oder missbräuchlicher Konsum negative Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen haben kann und psychosoziale und volkswirtschaftliche Folgen auch in ihre Arbeitsumgebung reichen können.

 

ÖGB und Arbeiterkammer sind mit ihrer Initiative „gesunde arbeit – Die Lösungswelt zu Sicherheit und Gesundheit in der Arbeit“ in der Information und Prävention aktiv. Dazu gehören entsprechende Aufklärungs- und Schulungsmaßnahmen für BelegschaftsvertreterInnen und auch Vorgesetzte. Anhand von Musterbetriebsvereinbarungen sollen zudem betriebliche Rahmenbedingungen geschaffen werden, die ein verantwortungsvolles Konsumverhalten unterstützen und so dazu beitragen, dass gefährdende Konsumgewohnheiten geändert, Sicherheitsrisiken vermieden und KollegInnen, zum Beispiel beim Verzicht auf Alkohol, unterstützt und nicht diskriminiert werden. Betroffene sollen rechtzeitig ein Hilfsangebot zur Wiederherstellung ihrer Gesundheit und der Erhaltung ihres Arbeitsplatzes unterbreitet werden.

 

Auf Grundlage des ArbeitnehmerInnenschutzgesetzes sind ArbeitgeberInnen dazu verpflichtet, für die Sicherheit und Gesundheit der Beschäftigten Sorge zu tragen und Maßnahmen zur Verhütung von Unfällen und arbeitsbedingten Gesundheitsgefahren zu setzen. Die in Betriebsvereinbarungen getroffenen Festlegungen zur betrieblichen Suchtprävention können maßgeblich zur Sicherung und Verbesserung der Gesundheit beitragen und sind somit auch Ausdruck der verpflichtend umzusetzenden ArbeitgeberInnenverantwortung, insbesondere der Fürsorgepflicht der Arbeitgeberin/ des Arbeitgebers.

 

Wir dürfen aber auch die Augen nicht davor verschließen, dass für betroffene arbeitende Personen menschenwürdige Arbeitsbedingungen, faire Löhne und Gehälter sowie eine soziale Absicherung eine maßgebliche Rolle in der Suchtprävention spielen, ebenso Werte wie Respekt, Selbstbewusstsein oder ein Gefühl der Leistungsfähigkeit sowie Hoffnung und Zuversicht auf ein menschenwürdiges Leben.

 

Seit dem Bestehen der Einrichtung wurde tausenden Menschen mit Suchtproblemen geholfen, etwa genauso viele würden Hilfe benötigen. Dieser gesellschaftlichen Herausforderung müssen wir uns immer wieder stellen, als Gründungsorganisation und Unterstützer des Anton Proksch Instituts. Künftig müssen wir noch mehr Bewusstseinsarbeit leisten und brauchen die Unterstützung vieler engagierter und fachlich versierter Menschen in der institutionellen Sucht- und Drogenarbeit sowie in der Prävention am Arbeitsplatz!

 

Mag. (FH) Roland Pichler

Vizepräsident der Stiftung Anton Proksch-Institut Wien

Leitender Sekretär des ÖGB für Finanzen