Grußworte Mag. Richard Gauss

„Herausforderungen in der Sucht- und Drogenarbeit“

Die in den letzten Jahren zu beobachtende Veränderung der globalen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Prozesse stellt auch die Sucht- und Drogenarbeit vor große Herausforderungen.

 

Global ist ein wirtschaftspolitischer Paradigmenwechsel zu erkennen, in dem auf Basis von Marktmechanismen der Wettbewerb forciert wird. Dadurch verändern sich Produktions- und Reproduktionsbedingungen sowie -verhältnisse. Immer mehr Lebensbereiche sind marktmässig organisiert und zunehmendem Wettbewerbsdruck ausgesetzt. Auf nationalstaatlicher Ebene kommt es zu Sozialstaats- und Verwaltungsreformen, mit denen eine Ökonomisierung sozialer Dienstleistungen einhergeht, von der auch die Sucht- und Drogenarbeit nicht unberührt ist.

 

Diese Aspekte, eine zunehmende Bedeutung wirtschaftlicher Kriterien in allen Lebensbereichen, eine Flexibilisierung der Arbeitsmärkte, Sozialstaatsreformen unter den Bedingungen der Europäisierung und das Spannungsfeld zwischen Individualität und gesellschaftlichem Zusammenhalt, werden auf die Sucht- und Drogenkoordination auch künftighin Einfluss haben.

 

Dienstleistungen der Sucht- und Drogenkoordination, die im Auftrag der öffentlichen Hand oder von dieser subventioniert, früher in einem geschützten Raum erbracht wurden, müssen sich zusehends im Wettbewerb behaupten. In den Nationalstaaten ändert sich der Zugang zur Sozialpolitik: Auch Sucht- und Drogenarbeit wird vermehrt als Kostenfaktor betrachtet und anderen Politikbereichen untergeordnet, was zu Einsparungen in diesem Bereich führt. Steuerung und Finanzierung - auch der Sucht- und Drogenkoordination - werden unter dem Reformmodell des New Public Management neu organisiert. Dadurch werden innerhalb und außerhalb der betroffenen Organisationen Qualitäts- und Effizienzdiskussionen ausgelöst, die Tendenzen einer Überlagerung professioneller Ermessens- und Handlungsspielräume durch wirtschaftliche Aspekte nach sich ziehen.

 

Daher dürfen ethische Gesichtspunkte, gerade bei derartigen Tendenzen einer wirtschaftlichen Überformung, keinesfalls zu kurz kommen. Das aber verlangt eine kritische Betrachtung neuer Konzepte, Methoden und Arbeitsweisen, aber auch der gesamten organisatorischen Ausgestaltung der Sucht- und Drogenarbeit.

 

Durch den Wettbewerbsdruck verändern sich aber auch Anforderungen an Individuen und lokale Gemeinschaften. Neue gesellschaftliche Exklusionsmechanismen treten auf, wodurch die Sucht- und Drogenarbeit mit neuen Aufgaben und Problemstellungen konfrontiert wird.

Mit den oben beschriebenen Veränderungsprozessen entwickelt sich aber auch bei den Trägern der Sucht- und Drogenarbeit eine andere Kultur, eine die zusehends von Vereinbarungen und Verträgen geprägt ist. Mit dem Streben nach gesteigerter Effizienz und Effektivität wird eine Koppelung der Finanzierung an Ergebnisse und Wirkungen forciert, was die Implementierung wirkungsorientierter Steuerungsmechanismen begünstigt, intensive Austausch- und Formulierungsprozesse verlangt und verstärkt Fragen zu Kosten-Nutzen-Relationen auslöst. Eine Herausforderung in diesem Zusammenhang bezieht sich darauf, auch Überlegungen zu einer NutzerInnenorientierung und -partizipation der Sucht- und Drogenarbeit vor dem Hintergrund eines erweiteren NutzerInnenbegriffs - etwa der Gesellschaft als Nutzerin - anzustellen.

 

Schließlich wird von der Sucht- und Drogenarbeit verstärkt verlangt, ihrem Inklusionsauftrag deutlicher als bisher gerecht zu werden und Ausgrenzungsmechanismen stärker entgegen zu wirken. Eine weitere Professionalisierung der Sucht- und Drogenarbeit kann daher nur befördert werden, wenn dieser Forderung nachgekommen wird - auch und gerade wenn es sich um „Grenzfälle“, besonders „schwierige“ bzw. „unbetreubare“ Fälle handelt.

 

Mag. Richard Gauss

Präsident der Stiftung Anton Proksch-Institut Wien

Eigentümervertreter API Betriebs gnGmbH

Bereichsleiter für Finanzmanagement

der GGR. Gesundheit, Soziales und Generationen;

Abteilungsleiter MA 24 – Gesundheits- und Sozialplanung

der Stadt Wien