Grußworte Prim. Univ. Prof. Dr. Michael Musalek

„Paradigmenwechsel in der Suchtbehandlung — das Orpheus Programm“

Erster Ausgangspunkt für die Entwicklung des Orpheus-Programms war die mir selbst gestellte Frage: Kann ich das erfüllen, was ich Tag für Tag von unseren Patienten fordere – nämlich auf eins der fünf wichtigsten Dinge in ihrem Leben zu verzichten, und das nicht nur kurzfristig bzw. hie und da einmal, sondern im Idealfall sogar lebenslang. Die Antwort darauf war ein schlichtes Nein – ich kann es nicht und ich will es auch nicht. In gleicher Weise sehen und empfinden es auch unsere Suchtkranken: Sie können sich nicht vorstellen, ein Leben lang auf ihr Suchtmittel (das in vielen Fällen nicht an fünfter sondern sogar an erster Stelle rangiert) und viele von ihnen wollen es auch nicht. Anders ist die Situation jedoch, wenn es sich dabei um das Zwanzig- oder Dreißigwichtigste handelt. Die Aufgabe, die sich damit stellt, ist das erst- bis fünftwichtigste auf Platz zwanzig bis dreißig zurück zu reihen. Dabei sehen wir uns mit dem Problem konfrontiert, dass wir uns ein aktives Zurückreihen zwar vorstellen können, es uns aber verwehrt bleibt, es auch in der Praxis umzusetzen. Wir können aber unser Leben mit soviel Wichtigem und vor allem Schönen anreichern, dass ein unter den fünf besten Rangierendes dadurch gleichsam automatisch auf hintere Wertränge zurückfällt.

 

Zweiter Ausgangspunkt des Orpheus-Programms war der durch viele Studien belegte Umstand, dass die Prognose der Suchtkrankheit ganz wesentlich durch die Regelmäßigkeit der Behandlung bestimmt wird: Je regelmäßiger eine Behandlung von Suchtkranken in Anspruch genommen wird, desto besser die Prognose. Durch eine langfristige regelmäßige Behandlung kann bei bis 80% eine jahrelange Symptomfreiheit erreicht werden – ein überaus hoher Prozentsatz in Anbetracht dessen, dass es sich bei der Suchtkrankheit um eine chronische Erkrankung handelt, die hinsichtlich ihrer prinzipiellen Chronizität beispielsweise mit einer sekundären Zuckerkrankheit vergleichbar ist. Dieser Prozentsatz fällt allerdings auf nur rund 10% im Fall des Behandlungsabbruches bzw. der Therapieverweigerung. Ohne Zweifel spielt bei der Behandlungsadhärenz die Attraktivität von Behandlungsziel und Behandlungsart eine zentrale Rolle: je attraktiver Behandlungsziel und -methode desto höher die Adhärenzquote und desto höher der Behandlungserfolg. Es galt daher einerseits für unsere Patienten ein erstrebenswertes Behandlungsziel zu finden (allein nur dauerhafter Verzicht im Sinne der Abstinenz ist es in der Regel noch nicht) und andererseits Behandlungsformen zu entwickeln, die von den Patienten nicht nur als effektiv angesehen, sondern vor allem auch als freudvoll erlebt werden können. Nahezu jeder Mensch findet ein möglichst autonom geführtes und im Wesentlichen mit Freude erfülltes Leben als schön, das gilt natürlich gleichermaßen auch für Suchtkranke.

 

Viele Jahrzehnte hindurch war die Behandlung von Suchtkranken von Absolutheitsansprüchen und Durchhalteparolen geprägt. Nur lebenslange Abstinenz galt als Therapieerfolg – eine Vorgabe, die mit den zur Verfügung stehenden therapeutischen Mitteln nur von einem relativ kleinen Anteil von Patienten erreicht werden konnte. Mit der Entwicklung des Orpheus-Programms wurde ein Paradigmenwechsel in der Suchtbehandlung vollzogen. Abstinenz ist jetzt nicht mehr alleiniges Ziel, sondern nur mehr (wenn auch für die überwiegenden Mehrzahl der Patienten noch immer durchaus wichtiges) Teilziel der Behandlung auf dem Weg hin zur Erreichung des eigentlichen Endzieles, der Ermöglichung eines weitgehend autonom geführten und freudvoll erlebten Lebens. Auf die Möglichkeiten und Bedürfnisse des einzelnen Kranken Rücksicht nehmende, modulare Behandlungsangebote ersetzen frühere sich an Kohorten orientierende uniforme, schrittweise Therapieprogramme. Mittels dieses individualisierten Behandlungsansatzes werden dem an einer Suchterkrankung und deren Komorbiditäten leidenden Menschen Spiel- und Handlungsräume eröffnet, die ihm die Gestaltung eines für ihn gleichermaßen faszinierenden und sinnvollen Lebens ohne Suchtmittel ermöglichen. Das Orpheus-Programm ist somit ein ressourcen-orientiertes Behandlungsprogramm.

 

Der Name des Programmes verweist auf den Orpheus-Mythos und zwar auf jene Sequenz, wo Orpheus die Sirenen überwindet. Die Sirenen sind eindrucksvolles Sinnbild für Suchtmittel. Sie waren frauenähnliche Gestalten, die Menschen durch ihre betörende Gesänge in besonderer Weise anzogen – wenn man ihnen zu nahe kam, musste man das mit Gesundheit und Leben bezahlen. Auch Suchtmittel sind hoch attraktiv, sie besitzen eine ungemeine Anziehungskraft und auch sie wirken, wenn man ihnen zu lange zu nahe kommt, in hohem Maße zerstörerisch. Der wohl bekannteste Mythos zu Überwindung der Sirenen ist jener des Odysseus. Er lässt sich an den Mast seines Schiffes binden und schrammt unter höchster Anstrengung und massiven Qualen auf diese Weise an der Insel der Sirenen vorbei. Ganz ähnlich war die frühere Suchtbehandlungsstrategie: Mit aller Kraft und Ausdauer, mit aller List und manchmal auch Gewalt irgendwie die Abstinenz zu erhalten. Ganz anders die „Überwindungsstrategie“ des Orpheus.:Im Angesicht (besser: in Anhörung) der betörenden Gesänge der Sirenen nimmt er seine Laute und macht einfach die lautere und schönere Musik und übertönt auf diese Weise die Lockgesänge der Sirenen.

 

Diese Strategie entspricht der Vorgangsweise im Orpheus-Programm. Durch Anreicherung des Lebens mit so viel Schönem, dass damit die Attraktivität des Suchtmittels übertönt wird, gelingt es, dieses in seiner Wertigkeit so weit zurück zu reihen, dass es einen Platz im Werteregister des Suchtkranken einnimmt, der es ihm erlaubt, auf dieses auch langfristig und nachhaltig zu verzichten, ohne dass dies als Verzicht auf etwas „Unverzichtbares“ erlebt wird. Mit Hilfe der in den letzten Jahren gemeinsam mit den Mitarbeitern des Anton Proksch Instituts weiterentwickelten „Orpheus- Modulen“, werden dem einzelnen Suchtkranken Möglichkeiten eröffnet, das für ihn Schöne möglich zu machen und auf diese Weise das Suchtmittel zum Unmöglichen werden zu lassen. Diese individualisierte Behandlung beginnt in ersten Aufmerksamkeits- und Achtsamkeitsmodulen, gefolgt von Modulen die Naturerleben und Kunsterleben zum Thema haben sowie Körperwahrnehmung, Kunsthandwerk, Malen und künstlerisches Gestalten, Musik, Gartenpflege, Filminterpretationen und philosophische Diskurse, um einige wichtige Angebote herauszunehmen. In der letzten Phase wird in den „Genusserlebensmodulen“ auf die höchste und zugleich tiefste Form des Schönheitserlebens, das Genießen, fokussiert.

 

Die Hauptaufgaben der Orpheus-Module sind die Förderung von Achtsamkeit und Erreichbarkeit, das Aufzeigen von Veränderungsmöglichkeiten, das Wahrnehmen einer Krise als Weggabelung und Chance, Selbstvertrauen zur Freude und Selbstbestimmung, Erfahrung von Selbstfreundschaft und Gastfreundschaft, das (Wieder-)Erleben-können von Staunen, Begeisterung und Faszination und vor allem die Schaffung von Spielräumen und Atmosphären sowie von Rahmen und Schutzzonen zur schönen Lebensneugestaltung. Die unabdingbare Grundlage für die Ermöglichung eines (wieder) schönen Lebens ist einerseits die Umwertung der Werte im Sinne eines „up-grading“ all des Schönen und andererseits die Sensibilisierung allem Schönen gegenüber mit nachfolgender Kultivierung des Schönheitserlebens. Um ein möglichst autonom bzw. souverän geführtes und im wesentlichen freudvoll erlebtes Lebens zu erreichen, braucht es als Leitstrahl die nicht nur für Suchtkranke gültige Lebensmaxime: Lebe dein Leben so, dass es schön ist – aber nicht nur für dich selbst, sondern auch für die Anderen; denn nur wenn auch ein für die anderen schönes Leben gelingt, kann es auch für dich zu einem schönen werden.

 

Prim. Univ.-Prof. Dr. Michael Musalek

Ärztlicher Direktor API Betriebs gemeinnützige GmbH